Eine spezielle Beratung von Schwulen für Schwule ist immer dann von großer Bedeutung, wenn Schwule einen geschützten Rahmen benötigen, um mit den Problemen umgehen zu können, die für sie mit ihrer Lebensweise zusammenhängen. Die Konstellation schwuler Berater — schwuler Klient bietet hier prinzipiell günstigere Voraussetzungen als die Konfrontation des Klienten mit einem heterosexuell orientierten Berater, da die Ratsuchenden ihre Lebensweise nicht erst erklären oder gar rechtfertigen müssen. Gerade als erste Anlaufstelle suchen Schwule eine Gesprächsebene, bei der sie auf ein Grundverständnis vertrauen können, das die eigene homosexuelle Orientierung nicht in Frage stellt oder abwertet. Ebenso werden Projektionen vermieden, die einem heterosexuellen Berater moralische Vorbehalte unterstellen. Solche Projektionen können sich beispielsweise aus Unsicherheit oder ambivalenter Selbstachtung des Ratsuchenden speisen.
Beratung für Schwule umfasst in einem zentralen Teil die Bereitstellung eines geschützten Umfeldes und ein aus der eigenen Erfahrung der Berater gewachsenes Verständnis der grundlegenden Problematiken schwulen Lebens. Schwule Berater kennen zumeist aus eigenem Erleben das Coming-Out und die Ambivalenzen des Selbstwerts und der Selbstbehauptung und wissen um die Schwierigkeiten, in einer heterosexuell strukturierten Umgebung einen eigenen Lebensentwurf entgegen allen konventionellen Beziehungsmustern zu entwerfen und durchzusetzen.
Beratung für Schwule beschränkt sich jedoch nicht auf diese in der Lebenserfahrung der Berater ruhende Kompetenz. Viel mehr noch zielt sie auf die Unterstützung des Einzelnen bei seinem Weg zu einem selbstbewussten schwulen Leben. Individuelle Hilfen bei der Bewältigung von Krisen und Problemen sind das eine. Sie bleiben jedoch unvollständig, werden nicht gleichzeitig die jeweiligen Lebenszusammenhänge der Klienten berücksichtigt. Die im Hintergrund wirkende gesellschaftliche Problematik fließt auf diese Weise in den Beratungsprozess ein und ermöglicht die umfassende Reflexion der Entwicklungschancen des Ratsuchenden.
Warum Beratung für schwule Männer durch die AIDS-Hilfe?
Im Verständnis der AHF ist erfolgreiche, nachhaltige Prävention von HIV und AIDS nur durch eine zielgruppenorientierte Kombination von Verhaltens- und Verhältnisprävention (Stärkung der Handlungskompetenz des Einzelnen und Unterstützung von Selbsthilfestrukturen sowie Einwirken auf gesellschaftliche Verhältnisse) zu erreichen.
Das Präventionskonzept umfasst daher mehr als die thematische Beschränkung auf die unmittelbare AIDS-Problematik. Auch die Unterstützung und Schaffung von Strukturen, die den Selbstwert und die Selbstachtung fördern, gehören nach diesem Verständnis dazu. Gerade wenn die AHF davon ausgeht, dass selbstbewusstes Risikomanagement nur auf der Basis einer stabilen Persönlichkeit gelingen kann, muss die AHF auch für die Bereitstellung von Hilfsangeboten für Menschen Sorge tragen, die aus den unterschiedlichsten Gründen persönliche Unsicherheiten verspüren oder sich momentan in destabilisierenden Krisensituationen befinden.