Frankfurt, 23.11.2006 – Eindeutig ja! So muss die Antwort auf die Frage lauten, ob AIDS heute noch eine Bedeutung hat.
Vor allem für die betroffenen Menschen, deren Schicksal lebenslänglich mit dem Virus verlötet bleibt, gibt es keinen Zweifel an der Richtigkeit dieser Antwort. Aber auch für die nicht oder noch nicht Betroffenen bleibt AIDS voraussichtlich noch für lange Zeit ein Lebensthema. Denn alle sexuell aktiven Menschen müssen lernen, sich mit Sexualität, Verantwortung und Prävention zu beschäftigen. Nicht nur wegen der Empfängnisverhütung, sondern auch wegen AIDS.
Sexualität ist nicht risikolos zu haben, sie war es nie und wird es auch nie sein! Daher ist es wichtig, sich möglichst früh und ohne falsch verstandene Scham und Rücksicht an die nachwachsende Generation zu wenden und mit geeigneter Aufklärung und Prävention die Möglichkeiten zum Eigenschutzverhalten zu stärken. Denn die Medizin ist nicht die Alternative zur Prävention, sondern die Hilfe in der Not, oft der letzte Strohhalm, an den man sich klammert – das ist etwas ganz anderes. Aber um mit der Prävention wirklich anzukommen, brauchen wir eine Sensibilisierung für das Thema.
Auch in diesem Jahr wird die AIDS-Hilfe Frankfurt daher den Welt-AIDS-Tag wieder dazu nutzen, die Menschen in Frankfurt an das Thema AIDS zu erinnern und über AIDS zu sprechen. Wir tun dies auf vielfältige Weise:
- So werden Frankfurter Schülerinnen und Schüler die "Rote Schleife", das "red ribbon" als Symbol der Solidarität für Menschen mit HIV und AIDS in der Frankfurter Innenstadt verteilen und Spenden sammeln. Gleichzeitig werden sie sich in der AIDS-Hilfe mit dem Thema auseinandersetzen können.
- Darüber hinaus werden auch wieder die Solidaritätsbären an verschiedenen Standorten in Frankfurt erhältlich sein. Bei der Aktion "Bärühmt" können die Menschen durch den Kauf eines Bären die Arbeit der AIDS-Hilfe Frankfurt direkt unterstützen.
- Den Abend gestaltet die AIDS-Hilfe mit der zentralen Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Paulskirche unter der Überschrift "unhörbAr unsIchtbar unDenkbar unSagbar" und dem anschließenden Trauermarsch zum AIDS-Memorial auf dem Petersfriedhof.
Wenn wir nach dem Welt-AIDS-Tag, zum Jahresende 2006, wieder zum Tagesgeschäft übergehen, werden sich in Deutschland höchstwahrscheinlich ca. 2.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert haben. Sie werden sich, vermutlich still und leise, zu den geschätzten ca. 50.000 Infizierten in Deutschland und den ca. 40.000.000 weltweit mit HIV und AIDS lebenden Menschen gesellen.
Es wird wieder so sein, dass die homosexuellen Männer mit mehr als 60 Prozent die größte Gruppe der Neuinfizierten darstellen. Erstmals in der Geschichte stehen die durch heterosexuellen Kontakt erworbenen Neuinfektionen auf dem zweiten Platz. An dritter Stelle finden sich die Menschen aus den so genannten Hochprävalenzländern wieder, die in unseren Statistiken meist als Migranten auftauchen. Auf Platz vier bleiben die i.v. Drogengebraucher.
Zur gleichen Zeit werden wir in Deutschland sicher erneut ca. 500 Menschen betrauern, die im Zusammenhang mit HIV verstorben sind – weltweit werden es ca. 3.000.000 gewesen sein. Wir werden entdecken, dass die Stadt Frankfurt am Main weiterhin zu den am stärksten betroffenen Städten/Regionen in der Bundesrepublik gehört und dass wir daher auch etwas mehr in Prävention und Versorgung investieren müssen als bislang.
Also alles beim Alten – wie jedes Jahr – wie gehabt.
Doch außer den Betroffenen und den so genannten An- und Zugehörigen, sowie den medizinischen und/oder psychosozialen Fachleuten wird das keinen wirklich interessieren. Denn HIV und AIDS wurden längst als mediales Erregungsthema von Krieg, Katastrophen oder der Tagespolitik verdrängt.
Nach 25 Jahren AIDS sind wir in der Normalität angekommen. So sagen es uns die Experten aus Wissenschaft und Medizin. Längst haben wir uns dabei an das vermeintliche Übel gewöhnt. Die Katastrophenmeldungen über die genozidalen Ausmaße der Infektion im südlichen Afrika, das Erschrecken über die hohen Infektionsraten in Asien und Osteuropa, die unsagbar ungerechte Verteilung und Bereitstellung der Medikamente – das alles ist Bestandteil dieser Normalität von AIDS.
In unseren Breitengraden gilt: "AIDS hat sich infolge der Einführung von HAART (Hochaktive antiretrovirale Therapie) in den westlichen Industriestaaten von einer auf jeden Fall tödlichen zu einer chronischen Krankheit entwickelt, die nicht mehr notwendigerweise zum Tod führt. In Deutschland sterben nur noch wenige Menschen an AIDS, bei denen die HAART keine Wirkung mehr hat. AIDS ist behandelbar, aber nicht heilbar. Demgegenüber sterben in Drittweltstaaten Menschen an AIDS, da die medizinische Versorgung nicht oder nicht ausreichend vorhanden ist bzw. die Medikamente zu teuer oder nicht vorrätig sind." (Quelle: Internet-Lexikon Wikipedia, November 2006)
AIDS scheint nach 25 Jahren nur ein weiteres Vier-Buchstaben-Wort zu sein.
Wenn wir in diesem Jahr zum Welt-AIDS-Tag das Thema in Zusammenhang mit "unhörbAr unSichtbar unDenkbar unSagbar", also letztlich in die Nähe des Versteckten, Klandestinen rücken, so deshalb, weil eine der Nebenwirkungen des Normalisierungsprozesses eben darin besteht, AIDS in die Individualität und damit in die Privatheit zu verbannen. Die schwere Krankheit trifft nicht mehr uns alle als Gemeinwesen, sie trifft den einzelnen Menschen.
Und dieser Mensch, so meinen und fühlen nicht wenige, hat nach 25 Jahren HIV in der Welt doch längst die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, das Wissen und die Möglichkeit, sich vor einer Infektion zu schützen, auch umzusetzen. Die große Solidarität galt damals und gilt heute vor allem jenen, die sich quasi ohne Eigenverschulden infiziert haben. In diese Kategorie gehören vor allem die HIV-infizierten Kinder. Die volle Zuschreibung von Unvernunft und Verantwortungslosigkeit, zumindest aber das kollektive Unverständnis trifft jene Erwachsenen, die sich noch heute infizieren.
Die Kraft von AIDS liegt immer auch in seinen Zuschreibungen, insbesondere in der Tatsache der sexuellen Übertragbarkeit, der Unheilbarkeit und der Lebenslänglichkeit Die Nähe zu Liebe, Sex, Lust und Rausch, aber auch die ethnischen Unterschiede und die Vulnerabilität der Betroffenengruppen verlieh dem Ganzen in der Vergangenheit etwas Anrüchiges.
Heute ist dies alles keine wirkliche Nachricht mehr wert: Die Berichterstattung zu AIDS konzentriert sich auf das Aufzählen von Statistiken, die medizinischen Fortschritte und die Mahnung zum Kondomgebrauch. Doch es gibt ihn noch, den Ernstfall AIDS – trotz aller Hoffnung, aller Werbung und aller Zuversicht.
Jeder Mann und jede Frau, die mit der Diagnose einer HIV-Infektion umgehen, erleben diesen Ernstfall hautnah. Da ist von Normalisierung wenig zu spüren. Ein Wechselbad der Gefühle, ein Auf und Ab, ein Hin und Her, eine tiefe Unsicherheit, eine Hoffnungslosigkeit, eine Verzweiflung, eine Gefasstheit - alles, was einem das Fürchten lehrt, kommt im Augenblick der Gewissheit zu Bewusstsein.
Da ist nicht vordringlich das Wissen und die Beruhigung um eine chronische und behandelbare Erkrankung, da ist erstmal kein Trost! Da läuten die Alarmglocken: Von wem hab ich es? Wem kann ich was sagen? Mit wem kann ich sprechen? Mich wem anvertrauen? Da bricht es wieder auf, das alte Tabu um das Thema AIDS und das nicht ganz zu Unrecht. Denn wer sich fröhlich und unbedarft outet, dem drohen nicht selten Nachteile im beruflichen wie im privaten Leben. Da gibt es wenig Hoffnung auf eine Alterssicherung, auf Berufsunfähigkeitsvorsorge oder Absicherung der eigenen Familie.
Mit dem Tabu beginnt auch eine Sprachlosigkeit, die sich tief einfrisst in das Zwischenmenschliche. AIDS in der Partnerschaft, in der Ehe, in der Familie, vor Freunden, in meiner Gemeinde, dem Ort, in dem ich lebe, der Kultur, aus der ich stamme. Wer darf und kann es wissen? Was wird mit mir geschehen? Da sind sie wieder, die alten Zuschreibungen, tief im Inneren haben sie jeder Normalisierung widerstanden und melden sich zurück. Daraus erwächst nicht selten eine Einsamkeit bei den Betroffenen, wie wir sie lange nicht vermuten würden. Die Angst, mit dem Bekanntwerden der Diagnose werde nicht nur die eigene Person, sondern gleich die ganze Familie, die eigenen Kinder, eben das ganze Umfeld mit in die Haftung und die Zuschreibung einbezogen, beschwert die Menschen.
Viele Betroffene hätten lieber Krebs als AIDS. Dies macht vielleicht deut-lich, dass Normalität nicht Gleichheit und auch nicht Äquivalenz bedeu-tet, sondern lediglich eine Art der Beschreibung des weniger Spektakulä-ren oder des Alltäglichen.
Ganz so ist es mit AIDS eben nicht. Auch nicht nach 25 Jahren. Das kann ihnen jeder HIV-infizierte Mensch ohne Mühe nachweisen. AIDS ist eben (noch) kein "just another four letter word".
Text: Achim Teipelke, Geschäftsführer der AIDS-Hilfe Frankfurt
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