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"Verantwortung"

Neue Stellungnahmen zu den Paulskirchen-Reden

In diesem Jahr sind die Redebeiträge zum Thema Verantwortung bei den Zuhörern kontrovers aufgenommen worden. Wir werden hier Auszüge aus persönlichen Stellungnahmen veröffentlichen. Falls Sie sich an der Diskussion beteiligen möchten, veröffentlichen wir auch gerne Ihren Beitrag. Hierzu schicken Sie bitte eine Email an: pr@frankfurt.aidshilfe.de

>>> zu den Reden


Emails, die uns erreicht haben:

Hallo Michael Bohl!
 
Habe mit großem Interesse Deine Rede im "post"-Magazin Jan/Feb.08 nachgelesen: "HIV ist eine von vielen Infektionskrankheiten".
 
Das neue Bild von AIDS aktiv mitgestalten, darum ging es auch mir in meinem Blog "Wem schadet meine Lebensfreude?" auf der WAT-Kampagnenseite http://www.welt-aids-tag.de/blog/eintrag.php?eid=54
 
Ich habe in meinem Blogbeitrag eine Ergänzung vorgenommen und einen link zu Deiner Rede gelegt und wollte Dich hier kurz drüber informieren.
 
Ich freue mich über Deine deutlichen Worte und erlebe sie als Rückenstärkung, dass auch andere sehen, dass wir in 2008 auch verbandlich an dieses Thema ran müssen, wofür ich energisch votiere!
 
herzliche Grüße aus der AH Wuppertal
 
Michael Jähme



Offener Brief der Aids-Hilfe Offenbach e.V.

In der Gedenkveranstaltung der Aids-Hilfe Frankfurt e.V. zum 1. Dezember 2007 in der Paulskirche haben die Rednerinnen und Redner verdienstvollerweise die aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse offen kommuniziert und einen breiten ethischen Diskurs zu Fragen der Verantwortung angestoßen. Sie haben darüber hinaus die aktuellen politischen Debatten kritisch hinterfragt. Dafür gebührt ihnen Respekt und Dank.
Sie haben dies nämlich gegen den Zeitgeist und all zu platte Vorstellungen, wo denn HIV-Gefahren lauern und wo Prävention ansetzen kann, getan. Sie haben damit ihre Verantwortung wahrgenommen, aufzuzeigen, wo denn tatsächlich Gefahren bestehen.
Offensichtlich sind sie, wie dem Kommentar von David Profit in der Januarausgabe der Gab zu entnehmen ist, gründlich missverstanden worden, weil es wohl schwer ist, von lange gepflegten falschen Vorstellungen Abschied zu nehmen. Die Reden sind nachzulesen im Internet auf der Seite http://www.frankfurt-aidshilfe.de. Das zu tun lohnt. Auch wenn man vielleicht nicht jeder Einschätzung folgen mag – wie etwa den Randbemerkungen von Ortwin Passon zu den Politikerbezügen – so lohnt es doch, sich ein paar Fakten zu vergegenwärtigen, die in der Wissenschaft inzwischen unbestritten sind:
Wenn man die internationalen Studien zur Kenntnis nimmt, dann weiß man, dass mehr als die Hälfte der neuen HIV-Infektionen dadurch zu Stande kommen, dass frisch Infizierte vor der Serokonversion, also bevor die Infektion überhaupt durch einen Antikörper-Test nachweisbar wäre, ihre Viren weitergeben. Das Problem liegt zu einem wesentlichen Teil in der Unsitte des negativen Serosortings, bei dem scheinbar Negative ebensolche Partner für flüchtige Begegnungen suchen. Der/Die medikamentös gut behandelte HIV-Positive ist wohl kaum in der Lage, jemanden mit HIV zu infizieren, jedenfalls dann, wenn nicht weitere Geschlechtskrankheiten vorliegen. In vielen Arztzimmern wird das hinter verschlossenen Türen und in der Schweiz durch das Bundesamt für Gesundheit ganz öffentlich kommuniziert. Von Positiven zu verlangen, sie sollten ihren Status offen kommunizieren, wenn sie dann gleichzeitig völlig irrational aus dem sexuellen Geschehen ausgesondert werden, ist vermessen. Wir sind allerdings der Auffassung, dass wir an Verhältnissen arbeiten müssen, in denen es möglich ist, auch über HIV leichter und selbstverständlicher zu reden. Michael Bohls Rede tut? deswegen so gut, weil sie den Weg freimacht, sich von durch die Therapieerfolge inzwischen überflüssigen Ängsten zu verabschieden. Erst dies ermöglicht es, leichter miteinander über HIV zu kommunizieren.
Strafrecht hat in der einvernehmlichen Sexualität nichts zu suchen. Wer sich schützen will kann dies leicht tun, sollte es im Bereich der flüchtigen Begegnungen sicher auch tun. Wer es nicht tut sollte außerhalb besonderer Vertrauensbeziehungen dem anderen keinen Vorwurf deswegen machen, sondern sich an die eigene Nase packen. Wer anderes fordert, weist einseitig jede Verantwortung für das eigene Verhalten von sich. Man mag zwar beklagen, dass Teile der Szene Kondome ablehnen. Das ist unvernünftig und respektlos gegenüber den Partnern. Die Konsequenz daraus kann jedoch nicht der Ruf nach dem Staatsanwalt sein sondern nur die Erkenntnis, dass einem solche Sexualpartner nicht bekommen und man lieber auf den Kontakt verzichten sollte. Und wenn man weiß, dass man sich an manchen Orten nicht mit seinen Schutzwünschen durchsetzen kann, dann sollte man die Orte eben meiden, so wie ein nicht mehr trinkender Alkoholkranker Absturzkneipen besser meidet. Stefan Nagel, Psychoanalytiker und Philosoph, hat sich in seinem Beitrag zur Verantwortung aller deutlich geäußert. Die Verantwortung alleine den von ihrer Infektion wissenden Positiven zuzuweisen, und nur die sind strafrechtlich im Blick, ist unverantwortlich und ein Armutszeugnis für den scheinbar Negativen.
Aus englischen Studien wissen wir, dass etwa drei Viertel der heutigen Aids-Todesfälle darauf zurückzuführen sind, dass Menschen erst im Vollbild Aids mit der HIV-Diagnose konfrontiert werden. Sie sind dann häufig in einem gesundheitlichen Zustand, in dem mitunter leider jede Hilfe zu spät kommt. Die Gründe dafür, sich nicht testen zu lassen, sind vielfältig. Viele haben Ängste vor Ausgrenzung. Wenn man die Diskussion verfolgt und sich ein wenig im Internet umschaut, nach welchen Kriterien Partner für sexuelle Begegnungen gesucht werden,  ist dies durchaus nachvollziehbar. Berufliche Nachteile sind auch nicht von der Hand zu weisen.
Neben den Frischinfizierten wird HIV im Wesentlichen übertragen durch nicht behandelte Infizierte, nicht nur aber vor allem wenn weitere Geschlechtskrankheiten bei ihnen oder den Partnern vorliegen. Zu erinnern ist daran, dass ein wesentlicher Teil der sexuell aktiven Menschen um seine Infektion nicht weiß. Die Schätzungen gehen von etwa einem Drittel aller Infizierten in der BRD aus.
Will man daran etwas ändern, ist es sinnvoll, die Test- und Behandlungsbereitschaft zu erhöhen und allgemein das Bewusstsein für sexuelle Gesundheit zu stärken. Dazu gehören die Hepatitis A und B Schutzimpfung als Selbstverständlichkeit, wie auch der gelegentliche Check auf die häufig lange symptomlos verlaufende Syphilis und andere sexuell übertragbare Krankheiten.
Wer sich näher informieren will, sollte die posT - das Magazin der Hessischen und der Hannöverschen Aids-Hilfen - zur Kenntnis nehmen. Sie ist zum Download eingestellt unter http://offenbach.aidshilfe.de. Dort ist sie zu finden unter Aktuelles, Journal.
Abschließend ist festzustellen, dass für den Schutz jede/r einzelne für sich verantwortlich ist. Diese Aufgabe ist auch an die Aids-Hilfen nicht delegierbar. Dass zurzeit ganz unterschiedliche Einschätzungen und Informationen durch die Welt geistern, ist in Zeiten des Umbruchs nicht vermeidbar. Das kann und darf aber Aids-Hilfen nicht davon abhalten, die aktuellen Erkenntnisse deutlich zu kommunizieren. Das Sexualität gefährlich ist und bleibt ist keine Erkenntnis, für die es erst HIV bedurft hätte.
Also noch einmal Dank an die Aids-Hilfe Frankfurt, dass sie, um die Schwierigkeiten der Diskussion wissend, verantwortungsvoll Stellung bezogen hat.

Der Vorstand und die hauptamtlichen und in der Prävention tätigen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen der Aids-Hilfe Offenbach e.V.



"Liebe Aids Hilfe ,
Es ist schön mit dem WeltAids Tag, und mit Hilfe eurer Organisation einen Tag zu haben an dem es möglich ist gemeinsam mit anderen zu trauern.
Dennoch gibt es ein paar Dinge, die mir nicht gefallen haben in diesem Jahr und die ich gerne ansprechen möchte:
1) Wo bleiben die anderen Hochrisikogruppen und ihre Stimmen ? zB die Drogenuser, die Prostituierten ?
2) Wo bleiben die Frauen bei euch ? Richtet sich die Veranstaltung des Welt Aids Tages in der Paulskirche exklusiv an die schwule Community ? Wenn dem so ist, dann seid bitte ehrlich und deklariert es dann auch so. (es war eine Rednerein da, welche zudem ausschließlich Englisch gesprochen hat)
3) Die Beiträge sind meist sehr abstrakt : Wo blebt der Raum für die Trauer ???? In der Abstraktion findet man diesen Raum mit Sicherheit nicht.
Und noch bedeutsamer: der Welt Aids TAg richtet sich an ALLE Betroffenen und nicht nur an Akademiker.
Ich würde mir wünschen, dass die Veranstaltung in der Paulskirche am Welt Aids Tag sich wieder mehr den Gefühlen widmet, welche die Erkrankung begleiten und von den Beteiligten (Erkrankte, Angehörige, Mitfühlende) erlebt werden. Dieses "Teilen" der Gefühle von "Trauer" und das erleben eines Gefühls der "Solidarität" sehe ich als eine große Chance an dem Tag. Den " intellektuellen" Teil kann man immer noch irgendwo "nachlesen".
Ich würde mir wünschen auch Rednerinnen und Redner aus den Betroffenenkreisen selbst dazu zu hören , und was konkret getan wird derzeit für die Prävention u.s.w.
Es wäre schön, wenn im nächsten Jahr der Kontrast zwischen dem Plakat "Wir trauern um unsere Toten" und den gehaltenen Reden etwas kleiner ausfallen würde.
Viele Grüße"
(Name der Red. bekannt)



"... Seit vielen Jahren nehme ich an der Veranstaltung der Aidshilfe in der Paulskirche teil, sie hat mich immer nachdenklich gemacht, mir Anregungen vermittelt und mich motiviert, zu spenden. Diesmal war ich erbost über den Tenor der meisten Redner zum Thema Verantwortung.
 
Unter Rekurs unter anderem auf das Grundgesetz wurde von der Allgemeinheit und insbesondere den "Negativen" gefordert, sich ihrer Verantwortung für die Lebenssituation der "Positiven" bewußt zu werden und gleich damit gedroht, dass sie sonst den Boden verfasungsmässiger Grundrechte verlassen bzw. sich mit dem Überwachungsstaat à la Schäuble gemein machen.
 
Noch krasser wurde es mit der völligen Freisprechung von jeglicher Verantwortung der "Barebacker". Ja, es sei unerhört, von ihnen jetzt auch noch einen "Kondomzwang" einzufordern. Zudem sei es auch wirkungslos, denn sie halten sich ja doch nicht daran. Und wenn sie sich denn infiziert haben, sei es selbstverständlich, dass die Gesellschaft noch viel mehr finanzielle Mittel für die Behandlung bereit stellen muss.
 
Ich hätte mir gewünscht, dass auch die "Verantwortung" der Positiven angesprochen wird, bis hin zu dem Punkt, dass ungeschützter Sex eines Positiven, der dies seinem Gegenüber verschweigt schon den Tatbestand der Körperverletzung erfüllen kann.
 
Aber nein, wenn es denn beim Barebacken schief läuft, sei es ja selbstverständlich, dass dafür die Allgemeinheit die Taschen aufzumachen hat.
 
Bei diesen Reden ist mir der Begündungszusammenhang der Präventionsarbeit der Aidshilfe völlig verloren gegangen. ..."
Reinhard Witt, Frankfurt



"...Eure Veranstaltung in der Paulskirche war grandios. Sie hat meiner Seele – und ich glaube nicht nur meiner  - richtig gut getan. Danke..."
Bernd Aretz, Offenbach



"Den Beitrag von Reinhard Witt kann ich nicht unwidersprochen lassen.
Wenn man die internationalen Studien zur Kenntnis nimmt, dann weiß man, dass mehr als die Hälfte der neuen Infektionen dadurch zu Stande kommen, dass frisch Infizierte vor der Serokonversion, also bevor die Infektion überhaupt durch einen Test nachweisbar wäre, ihre Viren weitergeben. Das Problem liegt zu einem wesentlichen Teil in der Unsitte des negativen Serosortings, bei dem scheinbar Negative ebensolche Partner für flüchtige Begegnungen suchen. Der gut behandelte Positive ist wohl kaum in der Lage, jemanden mit HIV zu infizieren, jedenfalls dann, wenn nicht weitere Geschlechtskrankheiten vorliegen.
Von Positiven zu verlangen, sie sollten ihren Status offen kommunizieren, wenn sie dann gleichzeitig völlig irrational aus dem sexuellen Geschehen ausgesondert werden, ist vermessen.
Mir hat Michael Bohls Rede deswegen so gut gefallen, weil sie den Weg freimacht, sich von durch die Therapieerfolge inzwischen überflüssigen Ängsten zu verabschieden. Erst das ermöglicht, dahin zu kommen, leichter miteinander über HIV zu kommunizieren.
Strafrecht hat darin nichts zu suchen. Wer sich schützen will kann dies leicht tun, sollte es im Bereich der flüchtigen Begegnungen sicher auch tun. Wer es nicht tut sollte außerhalb besonderer Vertrauensbeziehungen dem anderen keinen Vorwurf deswegen machen sondern sich an die eigene Nase packen.
Sich mit Fragen der Verantwortung zu beschäftigen, wie es der Philosoph und Psychoanalytiker Stefan Nagel getan hat, halte ich ebenfalls nicht für eine auf Schwule reduzierte Fragestellung sondern eine ethische Diskussion, die die Folie nicht nur des sexuellen Handelns sondern auch des politischen wie der Drogenpolitik berührt.
Ich kann auch die Beurteilung des Kommentars der Schreiberin nicht teilen, dass dies ein rein schwules Thema wäre. Aus unserem Offenbacher Aids-Hilfen-Alltag weiß ich, dass infizierte Frauen das Thema genauso umtreibt.
Und als letzte Anmerkung: eine kurze Rede in englischer Sprache auszuhalten, die einer betroffenen Afrikanerin die Möglichkeit gab, etwas aus ihren Lebenswirklichkeiten zu erzählen, halte ich für zumutbar."
Bernd Aretz, Offenbach








           






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