Buchtipp von M. Bohl
Der Buch-Tipp:
„Datura“ von Liliane Lerch
Der Klappentext zu diesem erstaunlichen Roman hätte mich nicht aufhorchen lassen. Von Aids ist da gar keine Rede, und ansonsten soll es um eine schicksalhafte Begegnung und eine Liebe zur Unzeit gehen. Das hätte mich definitiv nicht neugierig gemacht.
Interessanter wurde es schon als mir klar war, dass die Unzeit damit zu tun hat, dass eine der beiden Hauptfiguren (Jackson Carver) an Aids erkrankt ist. Sein Symptom: Aids-Demenz. Und die Geschichte will es so, dass er spät die Liebe seines Lebens kennen lernt (Emma de Antoni).
Das alles, so war meine Befürchtung, klingt sehr nach „altem Aids“ und wird viele alte Bilder transportieren, und der Zeit hinterherhinken. Aber diese Befürchtung konnte mir der Roman Seite um Seite nehmen. Denn er nimmt sich eines Themas an, was heute nur noch schwer zu fassen ist, und irrtümlicherweise von manch einem als gar nicht mehr existent vermutet wird. Er führt uns mit Jackson eine Person vor, die trotz des Durchbruchs in der Aids-Therapie, nicht von dieser profitiert. Und nicht nur das. Er rückt eine Person in den Mittelpunkt, die der Einnahme der Medikamente ablehnend gegenübersteht, und diese Ablehnung, trotz aller Belastung für sich und seine Umwelt, durchhält. Wie viel von dieser Ablehnung seiner Demenz geschuldet sein mag, oder einfach auf den sperrigen Individualisten verweist, als der Carver skizziert wird, bleibt letztlich unbeantwortet. Beides kommt wohl zusammen. Eine Schwäche offenbart der Roman an dieser Stelle allerdings. Das Wenige, was an Grundsatzwissen zu HIV und Aids vermittelt wird, ist, zumindest für den deutschen Leser, eher etwas abenteuerlich, um nicht zu sagen falsch recherchiert. Aber für den Roman ist dies glücklicherweise nicht sonderlich relevant, indes ärgerlich und unnötig.
Im Zentrum der Geschichte steht nunmehr die besondere Liebe dieser beiden Protagonisten, und das Fortschreiten der Aids-Demenz Jackson Carvers. Und dies ist die große Stärke des Romans. Wer mit Aids-Demenz in Berührung kam, der wird in diesem Roman sehr viel einfühlsame Erklärung für die ungeheuerliche Schwierigkeit finden, die mit dem Fortschreiten dieser Symptomatik für alle Beteiligten einhergeht. Liliane Lerch benötigt für ihre Schilderungen nicht die Anklage, sie reiht Episode um Episode, zunehmend fragmentarischer (aber immer in einem plausibel geschlossenen Gesamtzusammenhang) aneinander und es ist gar nicht anders denkbar, als dass sie sehr genau wissen muss, worüber sie schreibt. Immer näher kommt sie dem Tod Jacksons und der Verzweiflung, aber auch der Annahme der Situation, durch Emma und ihn selbst. Großartig der beschriebene Prozess der dazu führt, dass Emma irgendwann davon ablassen kann, die Medikamenten-Einnahme durch Jackson gegen dessen Widerstand durchzusetzen. In dem Moment, in dem sie beginnt seine Entscheidung und seinen baldigen Tod zu akzeptieren, kommen sich beide wirklich nah. Überforderte oder unwirsche Ärzte und Sozialarbeiter, oder auf Aids nicht eingerichtete Psychiatrien…., der Rettungs-Apparat kann sich nicht mehr zwischen beide stellen. Sie können gemeinsam den Canyon besuchen, den Jackson zum Verstreuen seiner Asche ausgewählt hat.
Ist „Datura“ ein Aids-Roman? Die Antwort fällt schwer. Lerch kreiert eine Geschichte, in der auf übliche Zutaten fast völlig verzichtet wird. So wird Aids quasi entstigmatisiert, weil diese Besonderheit der Erkrankung ohne Bedeutung bleibt. Der Großteil des sozialen Umfeldes reagiert berührt und mit Anteilnahme und Unterstützung, wenn auch nicht ohne Zweifel. Aber diese haben nichts mit den irrationalen Ängsten von Menschen im Angesicht von Aids zu tun. Auch Sexualität ist ein weitestgehend unerwähntes Thema, sowohl zwischen den beiden Protagonisten, als auch mit Blick auf Jacksons Carvers (auch) homosexuelle Lebenswirklichkeit in der Vergangenheit. Und Geld spielt, das macht es zumindest leichter, letztlich offenbar auch keine große Rolle.
Was bleibt sind die letzten beiden Lebensjahre von Jackson Carver und sein Leiden an Aids-Demenz in der Verbindung mit seiner späten, großen Liebe zu Emma de Antoni.
Sein Tod schließlich tritt fast unspektakulär herein. Alle haben zusammengehalten, und Jackson und Emma konnten sich bis zum Schluss immer noch den nächsten Schritt näher kommen. Das Abschieds-Ritual am Canyon bildet das traurige, aber friedliche Ende der Geschichte. Wer es ohne Tränen schafft, soll mir nicht sagen, wie das geht.
„Datura“ ist ein einfühlsamer, und im besten Sinne sehr weiblicher Roman über eine Liebe, der das Sterben an Aids nichts anhaben kann, sondern vielmehr die Kraft aufbringt, die Einschränkung und den Verlust von Verstand, Erinnerung und Wahrnehmung mitzuspüren, ohne letztlich Schaden zu nehmen. Das mag es selten geben, aber es ist schön davon zu lesen.
Michael Bohl, AIDS-Hilfe Frankfurt
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