Medikamente gegen die Vermehrung von HIV
Im Rahmen der antiretroviralen Therapie (ART; auch hoch aktive ART = HAART genannt) werden derzeit folgende Medikamentengruppen gegen HIV eingesetzt oder erprobt:
NRTI (Nukleosidale und Nukleotidale Reverse-Transkriptase-Inhibitoren) schleusen sich als falsche Bausteine in die menschliche Zelle ein. Auf diese Weise verhindern sie, dass die HIV-Erbinformation durch das viruseigene Enzym "Reverse Transkriptase" (RT) von einsträngiger RNA zu doppelsträngiger DNA umgeschrieben (transkribiert) wird, damit sie zur menschlichen Erbinformation passt. (RNA/DNA sind Abkürzungen für die englischen Bezeichnungen ribonucleic beziehungsweise deoxyribonucleic acid - zu deutsch: Ribonukleinsäure bzw. Desoxyribonukleinsäure; es handelt sich um die Träger der Erbinformation.)
NNRTI (Nicht-Nukleosidale Reverse-Transkriptase-Inhibitoren) dagegen blockieren direkt die Reverse Transkriptase.
PI (Protease-Inhibitoren) hemmen das Enzym Protease, das die Virusvorstufen zu HIV umwandelt. Damit wird die Produktion neuer Viren in den menschlichen Zellen vermindert.
Entry-Inhibitoren blockieren den Eintritt von HIV in die menschliche Zelle. So verhindern zum Beispiel Fusionsinhibitoren, dass HIV nach dem Andocken an eine Zielzelle mit dieser verschmilzt (fusioniert).
Integrase-Inhibitoren hemmen das HIV-eigene Enzym Integrase, das die umgeschriebene Virus-DNA in die menschliche DNA einbaut.
Die meisten der heute verfügbaren Medikamente gegen HIV sind in Deutschland zugelassen. Andere sind über internationale Apotheken oder entsprechende Zugangsprogramme der Hersteller erhältlich. Ärzte/Ärztinnen von HIV-Schwerpunktpraxen können hierüber informieren.
Virushemmende Medikamente verlängern in der Regel deutlich die symptomfreie Zeit oder lindern Symptome. Sie bewirken, dass die Zahl der Helferzellen zu- und die der freien Viren im Blut (Viruslast) abnimmt, wodurch der Druck auf das Immunsystem nachlässt und dieses sich wieder erholen kann (Zeichen dafür ist ein Anstieg der Helferzellzahl). Auf diese Weise kann das Voranschreiten der Erkrankung gebremst werden.
Die kurzzeitigen und langfristigen Nebenwirkungen sind sehr unterschiedlich und variieren je nach Patient/in. Sie sollten auf jeden Fall mit dem Arzt/der Ärztin besprochen werden.
Bei der antiretroviralen Therapie werden verschiedene Anti-HIV-Medikamente miteinander kombiniert, um so die Wirkung der Behandlung zu erhöhen. Zurzeit wird untersucht, durch welche Kombinationen und Kombinationsfolgen sich die Wirkungsdauer weiter verlängern und die Zahl der Nebenwirkungen verringern lässt.
Medikamente gegen opportunistische Infektionen
Der Pneumocystis-Pneumonie (PcP),einer besonderen Form der Lungenentzündung, kann durch die Einnahme oder das Inhalieren von Medikamenten vorgebeugt werden. Sie werden dann angewendet, wenn die Gefahr einer PcP am höchsten ist, nämlich bei einem schweren Immundefekt. Auch gegen Toxoplasmose ist eine Vorbeugung (Primärprophylaxe) möglich.
Gegen Infektionen mit Pilzen, Bakterien oder Parasiten gibt es inzwischen zahlreiche gut wirksame Medikamente. Bei anderen Infektionen stehen bisher nur experimentelle Therapieansätze zur Verfügung.
Opportunistische Infektionen bedürfen der fachgerechten Behandlung durch spezialisierte Ärzte/Ärztinnen. Wichtig ist, sie frühzeitig zu erkennen. Es empfiehlt sich deshalb, bei Beschwerden und Veränderungen sofort zum Arzt zu gehen.
Über aktuelle Therapien bei Aids informieren Beratungsstellen, HIV-Schwerpunktpraxen oder die Fachliteratur.
Komplementäre Therapien
Komplementäre Therapien (komplementär = sich gegenseitig ergänzend) ergänzen die antiretrovirale Therapie (ART), indem sie bei der Bewältigung der Infektion und beim Umgang mit Medikamentennebenwirkungen helfen und so zu einer Verbesserung der Lebensqualität beitragen. Wir verstehen darunter vor allem die europäisch orientierte Naturheilkunde, die traditionelle chinesische Medizin, die Homöopathie sowie Verfahren wie Yoga oder autogenes Training.
Von "alternativen" Therapien sprechen wir bewusst nicht, denn allein die antiretrovirale Therapie kann die HIV-Vermehrung wirksam hemmen. Eine nachweislich wirksame Alternative zur ART bietet weder die Naturheilkunde noch die Homöopathie, weder die traditionelle chinesische Medizin noch irgendein anderes Medizinsystem. Gegen HIV ist also kein Kraut gewachsen - wohl aber gegen manche Nebenwirkungen der Therapie und Folgen der HIV-Infektion.
Dabei gilt: Was für den einen hilfreich ist, muss der anderen nicht helfen, kann sogar eine Belastung darstellen. Einige Heilmittel "vertragen" sich nicht mit HIV oder einer ART. Und je mehr verschiedene Substanzen man einnimmt, desto zahlreicher und unübersichtlicher werden Nebenwirkungen und Wechselwirkungen zwischen ihnen; das gilt sowohl für "schulmedizinische" als auch für "natürliche" Medikamente (pflanzlicher, mineralischer oder tierischer Herkunft). Es empfiehlt sich daher, mit dem behandelnden HIV-Arzt über alle Medikamente und Substanzen zu sprechen, die man einnimmt.
(Quelle: Auszüge aus unseren Broschüren "HIV/Aids. Heutiger Wissensstand" (29., überarbeitete Auflage, Berlin 2004) und "komplementäre therapien" (2., überarbeitete Auflage, Berlin 2004))