Leitthema: Prüde Aussichten

HIV/AIDS: Von der Krisensituation zu wirksamer Hilfe und Offenheit

In den drei Jahrzehnten Auseinandersetzung mit dem Thema HIV/AIDS hat sich nicht nur die medizinische Behandelbarkeit dieser Krankheit dramatisch verbessert. Bedeutete eine HIV-Infektion in den 1980er und 1990er Jahren in den meisten Fällen die Entwicklung von AIDS und den sicheren Tod, kann dank der neuen Therapien ein längeres und immer besseres Leben mit der Infektion geführt werden.

Das gesundheitliche Phänomen HIV/AIDS war überdies stets ein Feld der Zuschreibungen und auch der Schuldzuweisungen. Die Erkrankung wurde gesellschaftlich als im Zusammenhang stehend mit den abweichenden Lebensweisen der von ihr hauptsächlich betroffenen Gruppen, der schwulen Männer, der Drogengebrauchenden, der Migranten wahrgenommen. Nicht nur die medizinische Antwort auf HIV/AIDS wurde revolutioniert (durch die Entwicklung und Etablierung der Antiretroviralen Therapie). Auch die gesellschaftlich zugestandenen Freiräume für die Hauptbetroffenengruppen der Erkrankung haben sich ausgeweitet. Die Wertschätzung gegenüber schwulen Männern ist gestiegen, neben fortbestehender Repression gegen den Gebrauch von Drogen gesellt sich eine stärker hilfsbereite Haltung gegenüber Drogen gebrauchenden Menschen, Migranten werden offener in Deutschland empfangen. Wir haben große Fortschritte auch in Hinsicht auf die gesellschaftliche Behandlung des Themas HIV/AIDS und der von dieser Krankheit betroffenen Gruppen gemacht. Scheint es!

Ambivalente Sicherheit

Denn alte homosexuellen- und fremdenfeindliche Stereotype leben in dieser Situation munter fort. Sie werden strategisch eingesetzt, um in einer Zeit allumfassender Verunsicherung menschenfeindliche Absichten durchzusetzen. Aber auch die neuerdings angebotenen gesellschaftlichen Nischen für das abweichende Leben können die Ambivalenz nicht verschleiern, mit der den „Abweichenden“ begegnet wird: Angesichts der Gleichzeitigkeit von milder Gleichgültigkeit und Feindlichkeit gegenüber dem Fremden, stellt sich die Frage, ob der scheinbar heute vernünftigere Umgang mit der homosexuellen Lebensweise, mit Migranten, mit Phänomenen wie Prostitution oder dem Gebrauch von Drogen nicht vor allen Dingen Ausdruck einer immer fortschreitenden Liberalisierung der Märkte, weniger hingegen der Erfolg selbststärkender, emanzipatorischer Widerstandsprozesse oder gereifter gesamtgesellschaftlicher Einsicht ist.

Haben sich die in der HIV-/AIDS-Arbeit organisierten Gruppen mit ihren vermeintlich erkämpften Freiräumen nicht in Wahrheit Normierungen eingehandelt, gegen die sie sich in den 1980er und 1990er Jahren noch entschieden wehrten? Sind z.B. mit der Anerkennung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare nicht genau die moralischen Wertevorstellungen verbunden, die sich gegen Promiskuität, sexuelle Ausschweifungen und Hedonismus richten und der Sexualität, ja dem Menschsein, zugunsten einer marktliberalen Individualität jegliches subversives oder nonkonformes Verhalten abgewöhnen wollen?

Freiräume in der Marktdemokratie

Sind die gebotenen Freiräume für Sexualität, Ausschweifung und Genuss in der neuen gesellschaftlichen Lage nicht vielleicht nur genau so lange erträglich, wie sie als Markträume Chancen auf Vermarktung, Verwertung, letztlich Ausbeutung dieser einstmals subversiven Verhaltensweisen bieten? Darf und kann man sich in der Marktdemokratie den herrschenden Nützlichkeits- und Verwertbarkeitserwägungen überhaupt entziehen? Lauern im herrschenden Liberalismus nicht Prüderie und Heuchelei?

Mit dem Fachtag will die AIDS-Hilfe Frankfurt Menschen zusammenbringen, die uns etwas zu sagen haben. Wir werden in drei Abschnitten zu unterschiedlichen Schwerpunktthemen ausgewiesene Vertreter ihrer Disziplinen und Professionen zu Wort kommen lassen. Im Abschnitt „Moral und Herrschaft“ fragen wir nach den Wirkungen der politisch korrekten Sprache im öffentlichen Raum. Bietet sie den Bedrängten und Diskriminierten wirklich Schutz vor Verletzungen oder ist sie in Wahrheit Ausdruck einer biederen Kontrolle des Sprechens und Denkens, das Konflikte nicht auflöst, sondern verschleiert, letztlich die freie Diskussion unter dem Vorwand moralischer Empörung begrenzt? Im Abschnitt „Sexualität und Recht“ fragen wir danach, inwieweit Sexualität unter den Bedingung ihrer Ökonomisierung überhaupt noch ein Feld der gelebten Abweichung, des Abenteuers, des „Wilden“ (V. Sigusch) ist. Zudem wird uns beschäftigen, warum in der vermeintlich sexuell befreiten Gesellschaft das Strafrecht wieder zur Normierung des Begehrens eingesetzt werden soll. Schließlich soll der Abschnitt „Gesundheit und Politik“ spezieller auf die Problematik HIV/AIDS unter den veränderten medizinischen und gesellschaftlichen Bedingungen rekurrieren. Ist mit der nun grundsätzlich zur Verfügung stehenden Präexpositionsprophylaxe (PrEP) die Chance auf eine leuchtende Zeit risikofreier Sexualität gegeben? Inwiefern bleibt HIV-/AIDS-Arbeit in dieser Zeit nötig und welche Aufgaben wird sie in Zukunft bearbeiten?

Abschlussvortrag durch Prof. Dr. Bazon Brock

Es ist der Veranstalterin eine besondere Freude, dass der Fachtag mit einem Grundsatzvortrag durch den Philosophen Bazon Brock beschlossen werden wird. Professor Brock wird die behandelten Fragestellungen in seinem Vortrag theoretisch einordnen.

Noch Fragen?
Sprechen Sie mich an!