Vortragsthemen

Abschnitt 1: Moral und Herrschaft

Jens Jessen, Hamburg: Emanzipation und Heuchelei

Während sich im Internet und in der gesellschaftlichen Realität eine weitgehend enthemmte Sexualität ausbreitet, wird die Rede über Geschlechtlichkeit und Sexualität immer stärker reglementiert. Emanzipationsbewegungen haben sich auf die Kontrolle des Diskurses zurückgezogen. Ihre Hoffnung, damit auf die soziale Realität einzuwirken, erfüllt sich indes nicht. Das Ergebnis der emanzipatorisch gemeinten Sprachpolitik ist eine groteske Heuchelei und eine prüde Perhorreszierung von Sexualität, die an das katholische 19. Jahrhundert erinnert.

Julia Seeliger, Bonn: Trollfeminismus

Wenn man was gegen zurzeit beliebte Feminismus-Grundannahmen sagt, zum Beispiel die einer „Rape Culture“, wird man nicht nur blöd angemacht, wenn man ein „weißer alter Mann“ ist. Beim neuen Feminismus helfen oft Argumente nicht mehr weiter, es ist besser, mit der Kettensäge vorzugehen – zum Beispiel mit der Technik des Trollens. Julia Seeliger hat dies lange praktiziert und daraus den „Trollfeminismus“ entwickelt.


Abschnitt 2: Sexualität und Recht

Dr. Dr. Stefan Nagel, Leipzig: Normierte Sexualität - wie viel Freiheit ertragen wir eigentlich?

Nach einer vermeintlich beispiellosen Liberalisierung von Sexualität in den zurückliegenden vierzig Jahren wird in den letzten Jahren eine deutliche Gegenbewegung sichtbar. Sie ist getrieben von einem zwar meist nicht mehr offen zu Tage tretenden, dafür aber um so unerbittlicheren Zwang zur Normierung von Sexualität. Freiheit löst offenbar nicht nur in Gesellschaften, die wir für unaufgeklärt halten, sondern gerade auch in den ‚freien‘ Gesellschaften Angst aus. Neben den Normierungen, die dem Individuum durch religiöse, politische, besonders solche einer politischen Korrektheit, bürokratisch-digitale, angeblich gesundheitsorientierte und wirtschaftskapitalistische Systeme aufgenötigt werden, scheinen sich vor allem auch die Individuen selbst unstillbar nach Regeln und Strukturen zu sehnen, die sie im Sinne einer erwünschten Persönlichkeit zurichten. Angesichts dessen ist das lesbisch-schwule Heirats- und Adoptionsverlangen eben nicht nur eine Emanzipationsbewegung, sondern auch eine normative Anpassungsleistung, deren Furor nicht einmal durch die enorme Differenz zwischen dem Erstrebten und der gegebenen und gelebten Realität zu bändigen ist.

Prof. Dr. Monika Frommel, Kiel: Sexualität und Recht

Nach der Entmoralisierung des Sexualstrafrechts in den 1970er Jahren findet seit einigen Jahren eine Remoralisierung statt. Die Akteure: der maternalistische Zweig der Frauenbewegung, die Polizei und die neue Strafrechtsgläubigkeit im Namen einer generalisierten Opfer-Ideologie.


Abschnitt 3: Gesundheit und Politik

Nicholas Feustel, Hamburg: Safer Sex 3.0 – mit Kondomen, PrEP und Schutz durch Therapie in die „Postkondomära“

Die Präventionslandschaft hat sich verändert in den letzten Jahren, und sie wird sich weiter verändern. Nach „Schutz durch Therapie“ haben wir nun mit PrEP eine zweite biomedizinische HIV-Präventionsoption, die in ihrer Wirksamkeit mit Kondomen vergleichbar ist. Was ist PrEP? Wie funktioniert sie? Für wen ist sie geeignet? Warum brauchen wir PrEP, und wie implementieren wir sie als weiteren Bestandteil unserer HIV-Kombinationsprävention?

Silke Klumb, Berlin: Sauber, satt, trocken – noch Wünsche?

Oder auch: gut therapiert, leistungsfähig und unauffällig? Was ist aus der Allianz der Schmuddelkinder geworden? Die Individualisierung der Gesellschaft macht auch vor HIV nicht halt. Alles kein Problem mehr, alles scheinbar für Jede_n möglich – solange es niemand weiß. Für viele endet diese Normalität schnell im Kontakt mit der Gesellschaft, dem Medizinsystem, im Job, in der Familie. Die schöne neue liberale Welt endet bei den besorgten Eltern. Darum: gerade diese Gesellschaft braucht Aidshilfe heute, morgen und übermorgen.


Philosophische Einordnung:

Prof. Dr. Bazon Brock, Wuppertal/Berlin: Politisch korrekt verordnete Freiheit. Marktliberalismus als Prostitution

Die enthemmte Selbstbeweihräucherung der Deutschen als Weltmeister der Humanität vertraut darauf, dass Kapitalismus und Pornografie jeden religiösen Fundamentalismus und jede kulturelle Differenz über kurz oder lang plattmachen werden. Die IS-Kampftruppe zeigt, dass diese Verharmlosung der Machtkämpfe durch wohlstandsgelangweilte und unterhaltungsgeile Europäer eine Selbstzerstörung durch fatale Selbstüberhöhung darstellt. Wer nicht kämpfen will, wird versklavt. Aber der Investment-Kapitalismus lehrt, dass sich seine Sklaven außerordentlich wohlfühlen. Das ist die beste Voraussetzung für das Erblühen von Ideologien, die den guten Willen zum Maßstab des Weltgeschehens machen.

Moderation des Tages: Christian Setzepfandt, Frankfurt

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